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Schrumpfung in Deutschland – Gründe, Folgen, Stadtumbau

Deutschland ist von gegensätzlichen Trends geprägt. Insgesamt steigt, auch bedingt durch den Zuwanderungsstrom 2015, die Bevölkerungszahl wieder. In Städten wie München, Stuttgart oder Hamburg steigen die Mietpreise jedes Jahr auf neue Rekordhöhen. Jedoch sind insbesondere die ländlichen Regionen Ostdeutschlands sowie die altindustriellen Regionen im Ruhrgebiet von Abwanderung und Schrumpfung geprägt. Diese Schrumpfungsprozesse in Deutschland sollen genauer untersucht werden. Folgende Fragen werden beantwortet:

Welche Gemeinden schrumpfen?

Die Bevölkerungszahl sinkt in Deutschland vor allem in zwei Kernen:

  • In den Städten alindustrialisierter Regionen wie Bochum, Herne und Lüdenscheid
  • Die gesamten neuen Bundesländer mit Ausnahme von Wachstumsregionen wie Berlin, Dresden, Leipzig, Halle etc.

Gründe der Schrumpfung

Der flächendeckende Schrumpfungsprozess in Ostdeutschland hat um 2000 angefangen. Gründe für die Schrumpfung sind von Gemeinde zu Gemeinde verschieden. Es lassen sich (nach Herfert 2004) aber drei besondere Problemräume ausmachen:

  • die altindustriellen Regionen (z.B. Magdeburg-Halle-Gera) – die wachsen aber teilweise auch wieder, wie Halle zeigt
  • zu DDR-Zeiten industrialisierte ländliche Räume (z.B. Schwedt-Eisenhüttenstadt-Guben)
  • Regionen in peripheren Lagen (z.B. Vorpommern).

In der Folge kommt es zu einer selektiven Abwanderung der Bevölkerung. Die Lausitz z.B. hat mehr als 100.00 Einwohner in den letzten Jahren verloren. Es wandern in erster Linie junge Menschen aus. Dies liegt vor allem an den fehlenden Arbeitsplätzen und Freizeitangeboten. Der Arbeitsplatzverlust liegt unter anderem am Niedergang der Industrie und dem bevorstehenden Ausstieg aus der Braunkohle. Konkrete Beispiele für den Wegfall von Arbeitsplätzen sind die geplante Schließung eines Siemens-Werks in Görlitz, welches nach starken Protesten noch bis 2023 bestehen soll.

Im Westen sind Schrumpfungsprozesse vor allem in den Montanregionen des Saarlands und des Ruhrgebiets zu verorten. Diese Regionen sind seit geraumer Zeit von wirtschaftlichen Strukturumbrüchen geprägt. Die Wirkungszusammenhänge, welche durch Arbeitsplatzverlust einhergehen, zeigt die folgende Abbildung am Beispiel Gelsenkirchen:

Zusammenhänge Arbeitsplatzverlust in Gelsenkirchen
http://www.ruhrgebiet-regionalkunde.de/

Folgen der Schrumpfung

Für die Gemeinden ergibt sich eine Reihe an negativen Auswirkungen eines Schrumpfungsprozesses. Zunächst fehlen der Gemeinde Steuern: Es sinken die Einnahmen aus Einkommens– und Gewerbesteuer, sowie weiteren Steuern.

Außerdem gehen die Einnahmen für öffentliche Einrichtungen zurück. Theater, Zoos, Schwimmbäder und Büchereien sind ohnehin in der Regel nicht kostendeckend und werden subventioniert. Durch den Bevölkerungsverlust nehmen weniger Personen diese Einrichtungen in Anspruch. Eine stärkere Subventionierung durch die Gemeinde ist allerdings auch schwierig, da Steuereinnahmen fehlen. In der Folge kann es zu Schließungen und/oder reduzierten Öffnungszeitungen kommen.

Ähnlich gestaltet es sich bei Ausgaben für die öffentliche Infrastruktur und der Verwaltung.

Abwanderung ist häufig selektiv. Das bedeutet, dass junge, gut gebildete, leistungsfähige Personen die Gemeinde verlassen und ältere, sozial schwache Einwohner zurückbleiben. Für die Gemeinde stellt das ein weiteres Problem dar, da so auch die aufgewendeten Sozialabgaben (Arbeitslosengeld etc.) kaum sinken.

Auch im Immobiliensegment wirkt sich eine Schrumpfung aus. Sinkt die Nachfrage nach Wohnraum, drückt das die Miet- und Kaufpreise. Das ist auf der einen Seite gut für alle, die auf der Suche nach Wohnraum sind, aber natürlich extrem negativ für alle Eigentümer. Leerstände ergeben Mietausfälle. Die Karte von Immobilienscout24.de zeigt die starken Unterschiede in Miet- und Kaufpreisen zwischen den Gemeinden.

Zudem schaden viele Immobilienleerstände stark dem Image einer Region.

Darüber hinaus sind sozialräumliche Folgen zu beobachten. Es kommt zu einer sozialen Entmischung. Wenn gut gebildete Personen auf der Suche nach Jobs auswandern, bleiben Wohnviertel der „Verlierer“ in den Ausgangsgebieten bestehen. In der Folge werden Dienstleistungen und Infrastrukturangebote weiter zurückgeschraubt und die Wohnumfeldqualität sinkt. Die niedrigen Mietpreise wiederum locken weitere einkommensschwächere Gruppen an.

Durch die Abwanderung junger Frauen kommt es in Ostdeutschland zu einem Männerüberschuss. So wohnen in allen ostdeutschen Ländern weniger Frauen als Männer in der Altersgruppe zwischen 18 und 40 Jahren. Im Kreis Elbe-Elster kommen z.B. 809 Frauen auf 1.000 Männer (Quelle: morgenpost.de)

Der Beitrag zeigt das Problem der Entvölkerung in Ostdeutschland in der Praxis:

Leitbilder des Stadtumbaus in Deutschland unter Schrumpfungsbedingungen

Nach Heineberg, H. (2016) bestehen für den Stadtumbau unter Schrumpfungsbedingungen folgende Leitbilder:

Das Modell der perforierten Stadt

Das „Modell der perforierten Stadt“ ist auch als „Leipziger Modell“ bekannt, da es auf dem Stadtentwicklungsplan 2000 der Stadt Leipzig basiert. Es ist durch eine „fragmentierte, diskontinuierliche Bebauungsstruktur“ charakterisiert, welche punktuelle Abrisse unbewohnter Gebäude beinhaltet. Stattdessen soll als Nachnutzung u.a. gering verdichteter Wohnungsbau oder Flächen mit Freiraumcharakter folgen.

Leipzig ist mittlerweile eine der Wachstumsinseln in Deutschland und verzeichnet seit 2011 jedes Jahr ein Wachstum von über 2 %. So sind in zwischen 2010 und 2016 rund 50.000 Einwohner hinzugekommen (Quelle: wikipedia). Dies bringt nun aber das Problem mit sich, dass bezahlbarer Wohnraum zur Mangelware geworden ist. Wie der Weg von der Schrumpfung verlaufen ist, zeigt der Beitrag des MDR: https://www.mdr.de/

Modell der transformierten Stadt

Hierbei handelt es sich um ein relativ radikales Konzept. Es wird eingesetzt, wenn Städte von so starker Schrumpfung betroffen sind, dass es existenzgefährdend ist. Man gibt komplette Bereiche der Stadt auf und konzentriert sich auf die erhaltungsfähigen Bereiche, um die komplette Auflösung zu vermeiden.

Revitalisierung, Aufwertung und Stabilisierung der Innenstädte

Die Innenstädte sollen hier nicht nur funktional, sondern auch strukturell und symbolisch aufgewertet werden.

Neue Urbanität

Sie erfolgt im Sinne der postmodernen Stadtentwicklung oder Urbanisierung. Man möchte der Individualisierung der Lebensstile und den Wohnwünschen bestimmter Gruppen funktional und baulich entgegenkommen. Dies funktioniert z.B. durch sanierte, stadtzentrumsnahe Altbauquartiere, welche Rück- und Zuwanderer anlocken sollen (Gentrifizierung)

Nachhaltige, kompakte Stadt

Es werden Abrissmaßnahmen, z.B. von Plattenbausiedlungen in den Außenbereichen der Stadt, durchgeführt. Sie werden ersetzt durch weniger verdichtete Einfamilien-, Doppel- und Reihenhäuser. Dadurch schafft man auch Alternativen zum Wohnen im Stadtumland. Gleichzeitig soll eine Aufwertung im Innenbereich der Stadt erfolgen.

Quellen

Heineberg, H. (2016): Stadtgeographie. 5. Auflage. Heidelberg.
Herfert (2004): Ostdeutsche Schrumpfungslandschaft. In: Geographische Rundschau 56 (2004).
https://www.immobilienscout24.de/
http://www.manager-magazin.de/
http://maerkischer-bote.de/
https://www.morgenpost.de/

Titelfoto:  GillyBerlin auf  flickr.com, lizenziert unter CC BY 2.0, Bild zugeschnitten.

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